Der Kaspar-Weindl-Innovationspreis 2019

Der Kaspar Weindl Innovationspreis des Verbandes der Sprengbefugten Österreichs

Das Präsidium des Verbandes der Sprengbefugten Österreichs hat 2018 beschlossen, einen „Innovationspreis des Verbandes der Sprengbefugten Österreichs“ einzurichten. Dieser wurde am 7. November 2019 zum ersten Mal ver1eihen. Ausgezeichnet werden Innovationen im Bereich des Sprengwesens mit positiven Wirkungen auf die Sicherheit, Wirtschaftlichkeit, Ökologie, Technik sowie die Gesellschaft.

Der Innovationspreis des Verbandes der Sprengbefugten Österreichs wird mit Bezug auf den bedeutenden lnnovator Kaspar Weindl verliehen. Er war es, der die erste nachweisbare Sprengung im Bergbau am 16. Februar 1627 in der Bergstadt Schemnitz durchgeführt hat. Weindl war einaus Tirol stammender Bergmann, der es als Angestellter des Schemnitzer Erzreviers im damaligen Oberungarn (heute: Banska Stiavnica in der Slowakei) innovativ war.

Werk St. Lambrecht der Austin Powder GmbH

Die Arbeitsgruppe „Innovationspreis des Verbandes der Sprengbefugten Österreichs“ bestehend aus Hon.-Prof. Dr.techn. Peter Petri, Dipl.­Ing. Herbert Kassl, ZT Dipl.­Ing. Martin lang, dem Sprengunternehmer Günther Schadn und Dr.mont. Alfred Maier als Leiter der Arbeitsgruppe hat beraten und ihre Bewertungen nach folgenden Kriterien vorgenommen:

  1. Auswirkung auf die Sicherheit
  2. Bewertung der Technik
  3. Wirtschaftliche Bewertung
  4. Wirkung auf die Umwelt
  5. Wirkung auf die Gesellschaft

Der Vorschlag, das Werk St. Lambrecht der Austin Powder GmbH mit dem Innovationspreis des Verbandes der Sprengbefugten Österreichs auszuzeichnen wurde folgendermaßen bewertet:

Auswirkung auf die Sicherheit

Seit je her waren die erzielten Verbesserungen bei der Sprengstoffqualität im Werk St. Lambrecht beachtlich. Zuletzt war es ein großer Schritt weg von den gelatinösen Sprengstoffen hin zu dem modernen und leistungsfähigen Emulsionssprengstoff „Emulex 2 plus“ der als großer Innovationsschritt maßgebliche Verbesserungen auch in Richtung Sicherheit gebracht hat.

Insbesondere die Handhabungssicherheit hat sich damit dramatisch verbessert:

  • Der BAM Fallhammer zeigt für gelatinöse Sprengstoffe Schlagempfindlichkeiten von > 3J, für Emulsionssprengstoffe jedoch Schlagempfindlichkeiten von > 20J!
  • Der BAM Friction Test zeigt für gelatinöse Sprengstoffe eine Reibempfindlichkeit von > 120N und für Emulsionssprengstoffe eine Reibempfindlichkeit von > 360N!

Gerade der Arbeitnehmerschutz wurde durch den Übergang von gelatinösem zu Emulsionssprengstoff gefördert sowohl im Werk St. Lambrecht als auch bei den Anwendern vor Ort.

Einerseits sind die gesundheitlichen Vorteile bei der nun unterbleibenden Aufnahme von Sprengöl durch Atmung und Haut und bei den Sprengschwaden bemerkenswert. Andererseits sollte sich jeder Vorgesetzte und Geschäftsführer der (auch strafrechtlichen) Bedeutung des Einsatzes des sichersten Arbeitsmittels bewusst sein. Ein Unfall bei Verwendung von Dynamit endet allenfalls dramatisch, beim Einsatz von Emulsion ist die Wahrscheinlichkeit drastisch minimiert, dass überhaupt etwas passiert.

Bewertung der Technik

Emulsionssprengstoffe werden in St. Lambrecht in patronierter Form hergestellt. Daneben wird auch lose Emulsion produziert, die erst nach erfolgter Sensibilisierung mit Hilfe von Mischladegeräten an der Sprengstelle im Bohrloch zum Sprengstoff wird. Die wesentlichen Vorteile von Emulsionssprengstoffen können generell zusammengefasst werden:

  • Höchste Handhabungssicherheit in Bezug auf Anwendung, Manipulation und Transport
  • Keine giftigen Bestandteile, keine Nitroaromaten vorhanden
  • Niedrigste Emissionen an Stickoxiden (NOx) aus Schwaden im Vergleich zu Dynamit und ANFO
  • Exzellente Wasserbeständigkeit
  • Vergleichbare Leistungsfähigkeit zu Dynamit
  • Optimierte Logistik beim Einsatz von Pumpemulsion (Transport, Lagerung von Emulsion, kein Sprengstoff vorliegend)
  • Exakte Anpassung auf einen spezifischen Sprengstoffbedarf beim Einsatz von Pumpemulsion im Rahmen des schonenden Sprengens (Begriff: „String Loading“). Alternativ auch vollkommene Ausladung von Bohrlöchern möglich.
  • Weiter Anwendungsbereich möglich, seitens der Produktion auf eine spezifische Anwendung anpassbar.

Wirtschaftliche Bewertung

Ökonomisch haben sich die Emulsionssprengstoffe allen voran „Emulex 2 plus“ voll zu den alten vorher gebräuchlichen gelatinösen Sprengstoffen aufgeschlossen und sich dabei am Markt umfangreich durchgesetzt. Die für Innovationen so entscheidende Marktdurchdringung ist sehr gut gelungen.

Wirkung auf die Umwelt

Besonders bemerkenswert ist, dass Emulsionssprengstoffe keine gesundheitsschädlichen organischen Nitroverbindungen aufweisen. Die Schwaden von Emulsionssprengstoffen weisen auch einen entscheidend niedrigeren Anteil an Stickoxiden auf als jene von Dynamit. Das ist auch ein bedeutender Vorteil in Hinsicht auf die Arbeitssicherheit, vor allem unter Tage. Die geringeren Anteile an

Stickoxiden in den Schwaden von Emulsionen gegenüber jenen von Dynamiten führen aber auch zu einer allgemein geringeren Belastung der Umwelt und des Wassers. Die Thematik von Sprengstoffresten im Hauwerk ist damit deutlich entschärft, ein sorgfältiger und sauberer Umgang durch den Anwender bleibt aber grundlegende Voraussetzung. Bei der korrekten Anwendung durch den Sprengbefugten treten hierbei nur geringste Anteile an für Wasserlebewesen gefährlichen Ammoniumionen Nitrat und Nitrit auf. Somit weisen Emulsionssprengstoffe auch in Hinsicht auf die Umweltschutzaspekte wesentlich Vorteile gegenüber Dynamiten auf.

Wirkung auf die Gesellschaft

Das Werk St. Lambrecht strahlt Nachhaltigkelt und Zuverlässigkeit und Innovationskraft über einen sehr langen Zeitraum aus und steht auch für Widerstandskraft in schwierigen Zeiten.

  • Das Stift St. Lambrecht steht am Anfang der Sprengarbeit in Österreich. Die Stiftische Bergverwaltung hat sich für die neue Technik des Pulversprengens aufgeschlossen gezeigt und bereits im Jahr 1628, also ein Jahr nach der Sprengung von Kaspar Weindl, einen Sprengkundigen (Ruep Meytesperger) geholt, der die Bergknappen des Stiftes in dieser neuen „Kunst“ unterrichten sollte. In Steiermark wurde bergmännische Sprengtechnik im Jahr 1635 eingeführt.
  • Im Jahre 1871 wurde nach den Entwicklungen des Stiftsapothekers Alfred Siersch die k.k. privilegierte Dynamit-Fabrik von Gragger & Comp. in St. Lambrecht“ gegründet (,,Weißes Dynamit“ und „Kohledynamit“, „Rhexit“ und das „St. Lambrechter Dynamit“). Alfred Siersch geriet alsbald in das Visier von Alfred Nobel, der ihn zum technischen Direktor seines Sprengstoffwerkes in Hamburg (gegründet 1865) machte. Das Werk St. Lambrecht „überzeugte“ Alfred Nobel auch, seine Aktiengesellschaft-Dynamit Nobel, Wien übernahm es 1887 und es wurde modernisiert. 1924 wurden das „Dynamit 1″ und das „Dynammon“, ein pulverförmiger Sprengstoff, zugelassen.
  • 1927 erfolgte ein weiterer Innovationssprung: die weltweit erste kontinuierlich betriebene Nitrierung von Glycerin, entwickelt und patentiert durch Dr. Arnold Schmid, hat ihren Ursprung in St. Lambrecht. Schmid war ein Enkel eines der Mitbesitzes der k.k. privilegierten Dynamit-Fabrik.
  • Die Pulversprengstoffe ,,Ammonit I“ und ,,Ammonit II“ folgten und dann auch der gelatinöse Sprengstoff „Donarit I“, der über 60 Jahre sehr beliebt war.
  • In den 50er Jahren kamen aus den USA ANFO-Sprengstoffe nach Europa, 1968 wurde der ANFO Sprengstoff „Lambrit“ in St. Lambrecht entwickelt.
  • Ebenfalls aus den USA kam das Prinzip der pumpfähigen, wasserhaltigen Sprengschlämme, der „Slurries“. Auf Österreichisch wurde das dann Lambrex 40 P, Lambrex 85 P. Der Lambrex 100 P wurde ab dem Jahr 1977 am steirischen Erzberg mit großem Erfolg eingesetzt.
  • In den 80er Jahren wurden die Vorgänger der heutigen Emulsionen entwickelt und ab 1981 mit Pumpmischfahrzeugen die Sprengstoffe „Lambrex E1/P“, „Lambrex E2/P“ und „Lambrex E3/P“ eingesetzt. Darauf folgten die ersten patronierten Emulsionssprengstoffe „Lambrex 1″ und „Lambrex 2″ und dann 1986 das „Lambrex 2 Contour“ für die gebirgsschonende Sprengung im Außenkranz bei Vortriebsarbeiten im Tunnelbau und für das Pre-Splitting im Tagbau bzw. beim Böschungsbau.
  • Als letzte Generation der gelatinösen Sprengstoffe entstand 1999 „Austrogel G1″ und „Austrogel G2″, Das waren Produkte auf Nitroglykolbasis, aber frei von krebserregenden Nitroaromaten.
  • Mit der Jahrtausendwende kam auch eine Neuentwicklung bei den gepumpten Emulsionssprengstoffen, ehemals bekannt unter der Produktbezeichnung „Lambrex WPG“. Durch den so genannten „chemischen Sensibilierungsprozess“ entsteht der Sprengstoff erst nach Austritt aus dem Ladeschlauch direkt im Bohrloch.
  • Exkurs: Die Wege von Alfred Nobel und dem Werk St. Lambrecht verliefen in unterschiedliche Richtungen.
  • Nach wechselvoller Geschichte mit staatlicher Monopolgesellschaft für den Verkauf von Sprengstoffen (1918-1938), den Vor- und Nachwirkungen von 1. und 2. Weltkrieg, öffentliche Verwaltung als „ehemaliges deutsches Eigentum“, Teil der verstaatlichten Chemie Unz AG, Übernahme durch Assmann 74% und Schaffer 26 % aus der Staatsholding im Oktober 1988. Pleite Assmann 1993 und Übernahme der Assmann Anteile an der DNW durch Raiffeisen Landesbank Steiermark, 2002 Übernahme der Raiffeisen Anteile durch Schaff/er (nun 100%). hat die Dynamit Nobel Wien GmbH im Jahr 2003 Konkurs angemeldet.
  • So fand das Werk St. Lambrecht also seinen Weg zu Austin Powder, einem US-Unternehmen mit ebenfalls sehr außergewöhnlicher Historie „ AUSTIN POWDER USED IN 1833 & EVER SINGE „, das sich bis heute seine Innovationskraft erhalten hat. Austin Powder war daher schon lange aktiv (38 Jahre), bevor in Österreich 1871 der Stiftsapotheker des Stiftes St. Lambrecht die Sprengstoffherstellung in Schwung brachte. Am 19.3.2003 wurden die Assets der Dynamit Nobel Wien GmbH übernommen. Eine Gesamtrechtsnachfolge wurde nicht realisiert, AUSTIN POWDER wollte den militärischen Bereich nicht.
  • Im Jahr 2008 ging die über 130 Jahre dauernde Ära der Produktion von gelatinösen Sprengstoffen abrupt und sehr tragisch zu Ende: In der Nachmittagsschicht des 11. März 2008 kam es um 14.39 Uhr zu einer Explosion im Bereich der Dynamitproduktion, in deren Folge zwei Mitarbeiter ihr Leben verloren. Das war natürtich ein tragischer Auslöser für weitere Innovationen, die aber die Gegenwart prägen:
    • Werksleiter DI Horst Schmidt hat Europas modernste Anlage zur Produktion von Emulsionssprengstoffen innerhalb kürzester Zeit mit Austin Ingenieuren aus Deutschland (heute Austin Technology GmbH) geplant und bereits 201O in Betrieb genommen.
    • Englmayer, langjähriger Leiter des Labors in St. Lambrecht hat für den letzten bedeutenden Innovationsschritt in der nahezu 150jährigen Geschichte des Standorts St. Lambrecht für den Dynamitersatz “ Emulex 2 plus“ die Feder geführt. Heute ist „Emutex 2 plus“ als Ersatz für Dynamit weltweit anerkannt und das Flaggschiff in Bezug auf Leistungsfähigkeit im Produktportfolio der Austin Powder GmbH.

Ergebnis der Bewertung

Dementsprechend wird das Werk St. Lambrecht der Austin Powder GmbH. als überaus würdig bewertet, mit dem „Kaspar Weindl lnnovationspreis des Verbandes der Sprengbefugten“ ausgezeichnet zu werden. Dies nicht nur mit Hinblick auf die historischen Innovationserfolge, sondern vor allem mit Bezug auf den „Emulex 2 plus“. Insbesondere der konsequente und kompromisslose Ausstieg aus den gelatinösen Sprengstoffen im damaligen

„Dynamitland“ Österreich hin zu dem leistungsfähigen „Emulex 2 plus“ wird als großer wegweisender Verdienst angesehen.

Alle Mitglieder der Arbeitsgruppe erzielten nach angeregter Diskussion Einhelligkeit.

Dem Werk St. Lambrecht der Austin Powder GmbH. wird herzlich gratuliert!

Ausblick

Der Wert einer koordinierten Zusammenarbeit innerhalb von Organisationen oder zwischen Organisationen der Wissenschaft und der Praxis soll nicht unterschätzt werden, Vorgangsweisen mit industriellem Stil können sehr wirkungsvoll sein, aber der wesentliche Punkt für Innovationen sind die Menschen und das was sie tun. Die menschliche Kreativität und der Unternehmergeist sind entscheidend für wirkungsvolle Innovationen.

Jeder darf sich daher angespornt fühlen mit seinen Fähigkeiten und Erfahrungen sich zu entfalten und mit eigener Tatkraft zur Erneuerung und Verbesserung des Sprengwesens beizutragen.

Glück auf! Alfred Maier

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